{"id":3027,"date":"2021-05-14T17:56:19","date_gmt":"2021-05-14T17:56:19","guid":{"rendered":"https:\/\/elbschule.hamburg.de\/?page_id=3027"},"modified":"2021-05-18T12:22:09","modified_gmt":"2021-05-18T12:22:09","slug":"theory-of-mind-kein-kinderspiel-fuer-gehoerlose-und-schwerhoerige-kinder","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/elbschule.hamburg.de\/?page_id=3027","title":{"rendered":"Theory of Mind  &#8211; (K)ein Kinderspiel f\u00fcr geh\u00f6rlose und schwerh\u00f6rige Kinder?"},"content":{"rendered":"<p>Die einen k\u00f6nnen es eher, die anderen weniger: Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre W\u00fcnsche, Annahmen, Gef\u00fchle und Absichten zu erkennen und zu deuten. F\u00fcr das menschliche Zusammenleben ist diese sozial-kognitive F\u00e4higkeit unerl\u00e4sslich; wer sie nicht in ausreichendem Ma\u00dfe entwickelt, verh\u00e4lt sich sozial ungew\u00f6hnlich (\u201eist seltsam\u201c, \u201enicht empathisch\u201c) und riskiert, ausgegrenzt zu werden.<\/p>\n<p>Die Entwicklungspsychologie bezeichnet diese wichtige Kompetenz als Theory of Mind (ToM) und beschreibt die Stufen ihrer Entwicklung bei Kindern. Einen bedeutsamen Teil der ToM bildet das sogenannte Emotionswissen (EW), das im Alter zwischen drei und acht Jahren erworben wird. \u00dcber insgesamt neun Stufen lernen Kinder, ihre eigenen Emotionen und die anderer Menschen zu erkennen und zu benennen. Sie k\u00f6nnen dann Gef\u00fchle mit Ursachen in Verbindung bringen und erfahren, wie man Emotionen bei sich und anderen ver\u00e4ndert. Der Erwerb von Enotionswissen ist eng mit dem kindlichen Spracherwerb verkn\u00fcpft. Welche Auswirkungen hat dies f\u00fcr Kinder mit einer H\u00f6rbeeintr\u00e4chtigung und der zwangsl\u00e4ufig damit verbundenen verz\u00f6gerten Sprachentwicklung?<\/p>\n<p>Mit dieser Frage besch\u00e4ftigt sich <strong>Prof. Dr. Claudia Becker<\/strong> an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t seit vielen Jahren. In einem mit Spannung erwarteten Gastvortrag, zu dem die beiden Fachverb\u00e4nde f\u00fcr Geh\u00f6rlosen- und Schwerh\u00f6rigenp\u00e4dagogik (BDH + DFGS) via ZOOM eingeladen hatten, berichtete Claudia Becker k\u00fcrzlich \u00fcber ihre Forschungsergebnisse. Mehr als 70 Interessierte aus Deutschland, Luxemburg und der Schweiz waren zugeschaltet und von den Ausf\u00fchrungen Claudia Beckers stark beeindruckt.<\/p>\n<p>\u201eGeh\u00f6rlose und schwerh\u00f6rige Kinder sind besonders gef\u00e4hrdet, in der Entwicklung von Theory of Mind und Emotionswissen zur\u00fcckzubleiben\u201c lautet ihre Kernaussage. Ohne die sprachlichen M\u00f6glichkeiten, eine Bandbreite an Gef\u00fchlen zu benennen, die \u00fcber \u201elieb\u201c und \u201eb\u00f6se\u201c weit hinausgeht, k\u00f6nnen innerhalb der Familie keine differenzierten Gespr\u00e4che \u00fcber Emotionen erfolgen und die Kinder kein Emotionswissen erwerben. Diese Gefahr besteht f\u00fcr laut-und geb\u00e4rdensprachlich orientierte Kinder gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Unterhaltungen, Spiel- und Vorlesesituationen mit unterschiedlichen Personen als Sprachvorbilder w\u00e4ren f\u00fcr die Entwicklung h\u00f6rbehinderter Kinder g\u00fcnstig &#8211; doch haben gerade schwerh\u00f6rige und geh\u00f6rlose Kinder aufgrund von Sprachbarrieren meist nur eine begrenzte Anzahl an Gespr\u00e4chspartnern um sich. Im Vergleich zu h\u00f6renden Kindern fehlen ihnen dar\u00fcber hinaus Rollenspielerfahrungen und sie k\u00f6nnen nicht in gleichem Ma\u00dfe von H\u00f6rb\u00fcchern und Filmen profitieren. Die so entstehenden Defizite in Theory of Mind und Emotionswissen k\u00f6nnen ihre soziale Teilhabe einschr\u00e4nken. Die gute Nachricht lautet jedoch: Beides l\u00e4sst sich trainieren!<\/p>\n<p>F\u00fcr Elternhaus und Fr\u00fchf\u00f6rderung gilt als wichtigste Empfehlung, regelm\u00e4\u00dfig Geschichten mit mentalen Inhalten vorzulesen, Emotionen zu benennen und mit den Kindern zu besprechen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der schulischen Bildung und Erziehung bauen die Kinder ihre sprachlichen Kompetenzen weiter aus und sollten nach Claudia Becker Anreize zum Aufholen sozial-kognitiver Entwicklungsschritte erhalten. Wie eine Studie belegt, gelingen Kindern im Alter zwischen sieben und zehn Jahren in diesem Bereich die gr\u00f6\u00dften Entwicklungsspr\u00fcnge (Audeoud, Becker 2019).<\/p>\n<p>Sensibilisierung und Beratung von Lehrkr\u00e4ften sind aus diesem Grund ebenso wichtig wie die Bereitstellung einer strukturierten Materialsammlung, die es erlaubt, die Kinder auf ihren individuellen Entwicklungsstufen des Emotionswissens abzuholen und zu f\u00f6rdern. Claudia Becker verfolgt beide Ziele. Ihr dreij\u00e4hriges Studienprojekt <strong><em>ProToM<\/em> <\/strong>(Promoting deaf and hard of hearing children\u2019s Theory of Mind and Emotion Understanding) mit Forschungspartnerinnen aus Griechenland, Zypern und der Schweiz steht unmittelbar vor dem Abschluss.<\/p>\n<p>Als Ergebnis pr\u00e4sentiert sie vorab ihr Trainingsprogramm <strong><em>Die Gedankenleser<\/em><\/strong> mit \u00dcbungen und Unterrichtsmaterialien zu den Entwicklungsstufen der Theory of Mind und des Emotionswissens. \u00a0Es gibt z.B. Aufklappgeschichten und Situationsbilder mit Personen und Gedankenblasen. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollen die \u201eGedanken lesen\u201c und die jeweiligen Emotionen, W\u00fcnsche oder versteckten Gef\u00fchle in den Gedankenblasen visualisieren. Sie lernen auf diese Weise, dass Gedanken von Menschen unterschiedlich sein und sogar einem Irrtum unterliegen k\u00f6nnen. Das Material wurde an sieben Schulen in den beteiligten L\u00e4ndern mitentwickelt und erprobt und f\u00f6rdert parallel die notwendigen Laut- und\/oder Geb\u00e4rdensprachkompetenzen von Kindern im Bereich Emotionen. <em>Die Gedankenleser <\/em>besteht aus zehn Modulen und insgesamt mehr als 65 \u00dcbungen sowie einer <em>Praxiskiste <\/em>mit <em>z<\/em>us\u00e4tzlichem Material f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte und Eltern (u.a. zahlreiche Geb\u00e4rdenvideos). Alle Materialien und Informationen werden in Deutsch, Griechisch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und den jeweiligen nationalen Geb\u00e4rdensprachen angeboten.<\/p>\n<p>Am 19. Juni 2021 findet die digitale Abschlusskonferenz zu dieser europ\u00e4ischen Studie statt. Das gesamte Trainingsprogramm \u201eDie Gedankenleser\u201c steht danach kostenlos als Download zur Verf\u00fcgung. (https:\/\/protom-education.com\/trainingsprogramm\/)<\/p>\n<p>Die Teilnehmenden des Online-Vortrags waren von Claudias Beckers Ausf\u00fchrungen und der Verkn\u00fcpfung von Theorie und Praxis in ihrer Arbeit mehr als \u00fcberzeugt. Eine Lehrerin fasste zusammen, was viele empfanden: \u201eWas f\u00fcr eine fantastische Fortbildung! Ganz vereinfacht heruntergebrochen kann man &#8211; wieder mal &#8211; zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder f\u00fcr eine gute Entwicklung ganz viel Zeit, Zuwendung, Liebe, sprachliche Interaktion brauchen. Das Thema sollte mehr gesellschaftliche Relevanz haben.\u201c<\/p>\n<p><strong><em>Die Gedankenleser<\/em><\/strong> &#8211; Das hochwertig gestaltete umfangreiche Material wird in Zukunft sicherlich viele schwerh\u00f6rige und geh\u00f6rlose Kinder bei der Entwicklung ihrer Theory of Mind unterst\u00fctzen und begleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Karin Perwo-A\u00dfmann<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zur Person:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3029 size-medium alignnone\" src=\"https:\/\/elbschule.hamburg.de\/wp-content\/uploads\/sites\/127\/2021\/05\/Foto-CB-300x157.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/elbschule.hamburg.de\/wp-content\/uploads\/sites\/127\/2021\/05\/Foto-CB-300x157.jpg 300w, https:\/\/elbschule.hamburg.de\/wp-content\/uploads\/sites\/127\/2021\/05\/Foto-CB.jpg 628w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Prof. Dr. Claudia Becker ist Leiterin der Abteilung Geb\u00e4rdensprach- und Audiop\u00e4dagogik an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Zu ihren Forschungsgebieten geh\u00f6ren die bimodal-bilinguale Erziehung und Bildung h\u00f6rbehinderter Kinder, inklusive Bildung mit Laut- und Geb\u00e4rdensprache, Geb\u00e4rdenspracherwerb und die sozial-kognitive Entwicklung bei schwerh\u00f6rigen und geh\u00f6rlosen Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die einen k\u00f6nnen es eher, die anderen weniger: Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihre W\u00fcnsche, Annahmen, Gef\u00fchle und Absichten zu erkennen und zu deuten. F\u00fcr das menschliche Zusammenleben ist diese sozial-kognitive F\u00e4higkeit unerl\u00e4sslich; wer sie nicht in ausreichendem Ma\u00dfe entwickelt, verh\u00e4lt sich sozial ungew\u00f6hnlich (\u201eist seltsam\u201c, \u201enicht empathisch\u201c) und riskiert, ausgegrenzt zu werden. 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